Diffring Sculpture Award 2012

Text written by Joachim Becker, curator of the Jacqueline Diffring Foundation, for the publication and ceremony for the Diffring Sculpture Award 2012.

Texto escrito por Joachim Becker, curador da Jacqueline Diffring Foundation, para a publicação e cerimônia de entrega do prêmio anual de escultura Diffring Sculpture Award 2012.

 


“Den Diffring Preis für Skulptur 2012 erhält die brasilianische Künstlerin
ANDREA BOLLER.

Die Preisverleihung findet am 24.10.2013 in der brasilianischen Botschaft
in Berlin statt.

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Am Anfang war die Linie.

Radierungen und  schwarz-weiß Zeichnungen brechen auf zu (kleinformatigen) raumsprengenden Skulpturen aus Licht, Schatten und Farbe, zu raumfüllenden Installationen, zu konzentrierten Performances.
Andrea Boller schöpft aus der Linie heraus ein Spannungsverhältnis zwischen Ich und Du. Licht und Schatten geben den Themen Volumen.

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Sie stellt erneut die Frage ”woraus der Mensch gebaut ist”. Sie beschreibt  Schichten einer Persönlichkeit, Erfahrungen, Erinnerungen in Überlagerungen von Materialien ­­– durchlässige Gitter. Licht, das Symbol für Erkenntnis durchdringt alle Ebenen. Licht=Farbe, Farbe=Licht, Schatten=Farbe. Illusionär, imaginär werden Konstanten gebrochen, Schein und Wirklichkeit erfragt.
Es geht um menschliche Beziehungen! Das Verhältnis der Materialien zueinander (oft Fundstücke) beschreibt symbolisch Emotionen – ein austangieren von Gefühlen, Schwingungen. Die Vereinigung zweier Kräfte vergrößert sich im variablen Lichteinfall bis ins Gigantische ohne Maßstäbe und löst ein Gefühl unendlicher Freiheit aus.
Architekturale Skulptur, Schattenzeichen, Gedächtnis, Auf der Suche nach einem latenten Gleichgewicht, Paare
– sind Themen, bei Jacqueline Diffring figurativ-abstrakt gefasst, in der Tradition der englischen Schule nach Henry Moore, bei Andrea Boller radikal minimalistisch in der Ökonomie der Materialwahl, bei beiden auf das Wesentliche ihrer ästhetischen Formgebungen reduziert.

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Die Wandskulpturen von Andrea Boller erreichen in der Paarbeziehung von fest und beweglich (Metall und Folie) ein harmonisches Ganzes. Das Material folgt einer spielerischen Choreografie, zwanglos. Skulptur wird hier zu einem aktuellen Ereignis, sie verändert sich einerseits mit der Bewegung des Betrachters im Raum, andererseits durch zeitliches Fortschreiten des natürlichen Lichtwinkels.
Wiederholungen, den Kreislauf der Natur, zeigt z.B. die Installation ”Knoten”, die sie in den Raum fließen lässt, ohne Anfang und Ende (Loop), immergleich – immerneu.
Schatten sind und zeigen die Konsequenz einer formalen Situation, einer Bewegung, von Handlungen. Jedes Handeln oder Nichthandeln birgt Konsequenzen. Die gegenständliche Seite steht für Bewusstheit, ihr Schatten für das Unbewusste. Beides bedingt sich gegenseitig. Die installativen Plastiken tragen die Option der Veränderung in sich.

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Andrea Boller thematisiert die Zusammengehörigkeit von Gegensätzen und ringt der Form (dem Leben) immer neue Facetten ab. Verschiedene Lichtquellen lassen unterschiedliche Standpunkte assoziieren, lassen die Welt nicht nur von einem Standpunkt aus sehen. Sensible Differenzierungen, Zwischentöne, Unschärfen sind die andere Seite des materiellen Konzepts. Wichtig sind der Künstlerin die skulpturellen Erlebnisse an sich, gleichwertig sind ihr die Reflexe / Reflexionen, die sie auslösen. Die Form, das Konkrete, erweitert, vollendet sich in der immateriellen geistigen Welt. Die immaterielle Dimension von konkreten  Geschehnissen sichtbar machen ist die Kunst von Andrea Boller.

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Naheliegenden Kategorisierungen in Konstruktivismus oder Konkrete Kunst entzieht sie sich immer wieder. In ihren Performances ist die Künstlerin selbst auch Form. Inszenierte Bewegung thematisiert Zeit, macht fühlbar das Drama der Endlichkeit. Tod.

Dominant in den Raum gesetzte Bodenplastiken, vieldimensionale ”Raumzeichnungen” evozieren Assoziationen zur String-Theorie und sprengen die Grenzen der Zeitwahrnehmung und des Kausalitätsdenkens.
Die Werke von Andrea Boller sind extensiv und ungebunden, sie forcieren beim Betrachter über die ästhetische Faszination hinaus ein Denken zu bewusstseinserweiternden, grenzüberschreitenden Möglichkeiten.”

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ANDREA BOLLER

geboren 1980 in Sao Paulo, Brasilien,
lebt und arbeitet in Berlin.
 
Meisterschülerin bei Prof. Karsten Konrad, Skulptur
Universität der Künste Berlin, 2012
 
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